Joachim Grössing 

 

„Sanctus“ - das Singen öffnet uns die Weiten des Himmels 

 

 

„Dem Meer ist das Schweigen,  

 

der Erde das Schreien  

 

und dem Himmel das Singen zu eigen   

 

(Gandhi).  

 

Schweigen führt den Menschen in die Tiefe.  

 

Im Schreien widerspricht er Not und Ungerechtigkeit.  

 

Das Singen öffnet ihm die Weiten des Himmels.“ 1  2 

 

 

 

1.Text 

 

 

 

Ökumenische Version Hier ist die Sprachrichtung der biblischen Vorlage umgedreht: Die singende Gemeinde spricht zu Gott. 

 

Heilig, heilig, heilig  

Gott, Herr aller Mächte und Gewalten.  

Erfüllt sind Himmel und Erde von deiner Herrlichkeit.  

Hosanna in der Höhe.  

Hochgelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn.  

Hosanna in der Höhe. 

 

 

 

Version von EG 185.2   Die evangelischen Textfassungen bleiben meist näher am Bibeltext z.B. wird die Sprachrichtung der biblischen Vorlage beibehalten. 

 

Heilig, heilig, heilig ist Gott,  

 

der Herre Zebaoth:  

 

alle Lande sind seiner Ehre voll.  

 

Hosianna in der Höhe.  

 

Gelobet sei der da kommt im Namen des Herren, 

 

Hosianna in der Höhe. 

 

 

 

Jesaja, dem Propheten das geschah Das „deutsch Sanctus“ Martin Luthers von 1526 - Luther bringt die biblische Grundlage aus dem Jesajabuch in gereimte Sprache. Das Lied ist im EG nicht mehr enthalten. 

 

Jesaja, dem Propheten, das geschah,  

Daß er im Geist den Herren sitzen sah  

Auf einem hohen Thron in hellen Glanz,  

Seines Kleides Saum den Chor füllet ganz.  

Es stunden zween Seraph bei ihm daran,  

Sechs Flügel sah er einen jeden han,  

Mit zween verbargen sie ihr Antlitz klar,  

Und mit den andern zween sie flogen frei,  

Gen ander rufen sie mit großem Gschrei:  

Heilig ist Gott, der Herre Zebaoth,  

Heilig ist Gott, der Herre Zebaoth,  

Heilig ist Gott, der Herre Zebaoth,  

Sein Ehr die ganze Welt erfüllet hat,  

Von dem Geschrei zittert Schwell und Balken gar,  

Das Haus auch ganz voll Rauchs und Nebel war.  

 

2.Biblischer Hintergrund 

 

Den ersten Teil des Sanctus nennt man auch das „Dreimalheilig“. In einer Vision und Audition erlebt der Prophet Jesaja die Schönheit und Größe Gottes - eine überwältigende und auch beängstigende Erfahrung. Darüber lesen wir in Jesaja 6 Folgendes:  

 

In dem Jahr, als der König Usija starb, sah ich den Herrn sitzen auf einem hohen und erhabenen Thron und sein Saum füllte den Tempel. Serafim standen über ihm; ein jeder hatte sechs Flügel: Mit zweien deckten sie ihr Antlitz, mit zweien deckten sie ihre Füße und mit zweien flogen sie. Und einer rief zum andern und sprach: Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll! Und die Schwellen bebten von der Stimme ihres Rufens und das Haus ward voll Rauch (Jes 6,1-4). 

 

 

 

In der Offenbarung des Johannes wird der Jesaja-Text mit dem „Dreimalheilig“ wieder aufgenommen. Auch der Seher Johannes wird in seinen Auditionen und Visionen Zeuge der himmlischen Liturgie: Und vor dem Thron war es wie ein gläsernes Meer, gleich dem Kristall, und in der Mitte am Thron und um den Thron vier himmlische Gestalten, voller Augen vorn und hinten. Und die erste Gestalt war gleich einem Löwen, und die zweite Gestalt war gleich einem Stier, und die dritte Gestalt hatte ein Antlitz wie ein Mensch, und die vierte Gestalt war gleich einem fliegenden Adler.  Und eine jede der vier Gestalten hatte sechs Flügel, und sie waren außen und innen voller Augen, und sie hatten keine Ruhe Tag und Nacht und sprachen: Heilig, heilig, heilig ist Gott der Herr, der Allmächtige, der da war und der da ist und der da kommt (Offb 4,6-9).  

 

 

 

Der zweite Teil des Sanctus, das Benedictus, eingerahmt von Hosanna-Rufen (Hosanna bedeutet „Hilf doch“), hat seinen biblischen Hintergrund im Psalm 118: Dies ist der Tag, den der HERR macht; lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein. O HERR, hilf! O HERR, lass wohlgelingen! Gelobt sei, der da kommt im Namen des HERRN! Wir segnen euch, die ihr vom Hause des HERRN seid (Ps 118,24-26).  

 

Auch dieser Text wird im Neuen Testament wieder aufgenommen - und zwar in Verbindung mit dem Einzug Jesu in Jerusalem: Aber eine sehr große Menge breitete ihre Kleider auf den Weg; andere hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. Die Menge aber, die ihm voranging und nachfolgte, schrie: Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe! Und als er in Jerusalem einzog, erregte sich die ganze Stadt und fragte: Wer ist der? Die Menge aber sprach: Das ist Jesus, der Prophet aus Nazareth in Galiläa (Mt 21,8-11). 

 

 

 

3.„Mitnahme“ des Sanctus aus der jüdischen in die christliche Liturgie  

 

Als Keduscha („Heiligung“, „Sanctus“) wird ein wichtiges Gebetsstück der jüdischen Liturgie bezeichnet, das an mehreren Orten Verwendung findet … Namengebendes Zentralstück des Gebets ist das Dreimalheilig. 3 Der Lobpreis der Engel aus Jes 6,3 war z.B. Teil des jüdischen Morgengebets in der Synagoge.  

 

Die ersten Christen - „jesusgläubige“ Juden - kannten es und haben es gebetet. Es war Teil ihrer religiösen Tradition. In manchen Gebieten z.B. in Syrien und Ägypten gab es noch während mehrerer Jahrhunderte intensives gemeinsames Leben und Austauschbeziehungen zwischen Juden und Christen. So wurde das „Dreimalheilig“ aus der Synagoge in die sonntägliche christliche Abendmahlsfeier mitgenommen.  

 

Wie in der jüdischen Liturgie war das Sanctus auch im christlichen Gottesdienst  ein zustimmender Lobruf der Gemeinde (Akklamation). Um 350 n.Chr. findet sich das Sanctus in einem Abendmahlsgebet des Serapion von Thmuis in Unterägypten. Das Gebet schließt mit der Aufforderung an die Gemeinde, in den Lobgesang der himmlischen Heerscharen vor Gottes Thron mit dem „Dreimalheilig“ einzustimmen. Auch für Syrien wird eine frühe Verwendung des Sanctus angenommen. 4 

 

Das Sanctus wurde in der christlichen Abendmahlsliturgie durch den Lobruf „Gelobet sei, der da kommt im Namen des Herrn“ (vgl. Ps 118,26/Mt 21,9/Joh 12,13)- eingebettet in Hosanna-Rufe - erweitert. Auch hier gibt es einen Hintergrund in der jüdischen Liturgie, der uns hilft, den Sinn unserer Liturgie besser zu verstehen: Der Psalm 118 gehörte zur Liturgie des Laubhüttenfestes und verlieh der Hoffnung auf den Messias/Erlöser Ausdruck. 5 

 

 

 

4.Das Sanctus als Teil des christlichen Gottesdienstes 

 

Das Sanctus wurde in der Alten Kirche und im Mittelalter bis ins 12. Jahrhundert hinein selbstverständlich von der ganzen Gemeinde gesungen. Das entsprach seiner Funktion: Die Gemeinde wird zur zustimmenden Beteiligung am Abendmahlsgebet (Akklamation) aufgefordert.  Später wurde es von den assistierenden Klerikern gesungen. Neue, kompliziertere Melodien entstanden und mit der Einführung der Mehrstimmigkeit ging schließlich der Gesang auch an dieser Stelle des Gottesdienstes auf den Sängerchor über. In mittelterlichen Berichten wird erwähnt, dass zum Sanctus auch Orgeln und Glocken ertönten - Zeichen für das umfassende Gotteslob. Durch ihre Verwendung beim Sanctus fanden die Instrumente Eingang in den Gottesdienst. 

 

Im Zuge der polyphonen Vertonungen des Sanctus wurde es üblich, Sanctus und Benedictus (musikalisch) zu trennen. Der ursprüngliche Zusammenhang war jetzt unterteilt in das Sanctus mit dem ersten Hosanna und das Benedictus mit dem zweiten Hosanna, das in der Regel eine musikalische Wiederholung des ersten war. Eine solche Teilung findet sich auch in den Messkompositionen des Barock, der Klassik und Romantik - bis hinein in 20.Jahrhundert. Sie entspricht heute jedoch nicht mehr dem erneuerten Verständnis der katholischen Liturgie.  

 

Im Evangelischen Gottesdienstbuch hat das Sanctus bei der Abendmahlsfeier nach Grundform 1 als Abschluss des Lobgebets (Präfation) durch die Gemeinde seinen Platz. Danach folgen: Vaterunser, Einsetzungsworte, Agnus Dei und Austeilung. 6 

 

 

 

5.…mit ihnen lass auch uns unsere Stimme erheben…  

 

Wie vielleicht kein anderes Gebet bringt das Sanctus eine Verbundenheit zwischen sichtbarer und unsichtbarer Welt, zwischen Erde und Himmel zum Ausdruck. In der Feier des Heiligen Abendmahls sind wir schon hineingenommen in die himmlische Sphäre. Wir stehen mit den Engeln vor dem Thron Gottes. Und wir singen mit ihnen, sind mit ihnen verbunden und mit allen Glaubenden vom Anfang an. Wir singen aus dem gleichen Textbuch wie die himmlischen Heerscharen - so wie es in einem Lied heißt: …wir stehn im Chore/der Engel hoch um deinen Thron (EG 147,3). Diese Verbundenheit von irdischem und himmlischem Singen hat das Sanctus mit dem Gloria gemeinsam.  

 

In der Feier des Hl. Abendmahls erinnern wir uns an den irdischen Jesus. Sein Einzug in Jerusalem, begleitet von den „Gelobt sei der da kommt“ - und „Hosanna“-Rufen der Menge führt ihn ins Leiden Wir verkünden seinen Tod und preisen seine Auferstehung.  

 

Wir begrüßen den in der Abendmahlsfeier zu uns kommenden Jesus Christus. Zu seiner Gemeinde kommt er in Brot und Wein. Er hält bei uns, in unseren Herzen Einzug, wie einst in der Stadt Jerusalem.  

 

Und wir denken an die Zukunft. An den wiederkommenden Herrn der uns die neue Welt Gottes bringen wird. Den neuen Himmel und die neue Erde. Amen, ja, komm, Herr Jesus. 

 

 

 

Wenn wir das Sanctus singen, fallen diese drei Aspekte zusammen. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft - sie verschmelzen für den Augenblick, in dem wir gemeinsam singen. Für diesen Moment, in dem wir in das Loblied der Engel mit einstimmen. Wir sind dann Teil der himmlischen Liturgie. Vorweggenommen ist die Aufhebung aller Zeit. Das Singen öffnet uns die Weiten des Himmels. Es lässt uns ein Stück Himmel kosten und hilft uns so, die Mühen des Alltags mit Liebe und Solidarität zu bestehen.